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Reiten Umgang

Jungpferde-Ausbildung mit Anna Jantscher Teil 1

Jungpferde-Ausbildung mit Anna Jantscher Teil 1

Die Ausbildung und Arbeit mit Jungpferden ist eine ganz Besondere. Hier wird der Grundstein für das spätere Leben als Reitpferd und Partner gelegt. Nicht selten erfahren die späteren Besitzer, dass es in den Anfängen als Jungpferd offenbar nicht ganz so schonend zugegangen ist. Manche Pferde tragen schier ein Trauma mit sich herum, bis es irgendwann ans Tageslicht kommt. Leider spreche ich hier aus eigener Erfahrung.

Entsprechend hat uns das Thema rund um die schonende Ausbildung von Jungpferden besonders interessiert und wir sind sehr froh, einer erfahrenen und vielseitigen Trainerin wie Anna Jantscher über Schulter schauen zu dürfen. Anna zeigt viele und vielleicht für den ein oder anderen auch unkonventionelle Wege auf ein Jungpferd schonend auf seine späteren Aufgaben vorzubereiten. Im ersten Teil unserer Serie haben wir Anna einige Frage gestellt, die uns brennend interessiert haben. Macht euch am besten selbst ein Bild von ihrer tollen Arbeit. 

Anna Jantscher im Interview

Du hast dich ja ganz der klassischen Dressur verschrieben. Was fasziniert dich gerade an dieser Art zu reiten?

Ich bin sehr offen für alle Reitweisen und versuche, aus den verschiedenen Stilen das für mich Wichtigste herauszupicken. Was für mich die klassische Reiterei (sei es Dressur, Springen, Geländereiten oder auch die Arbeit an der Hand und vom Boden) ausmacht ist aber, dass es immer darum gehen sollte, das Pferd physisch und auch psychisch zu stärken und mehr ins Gleichgewicht zu bringen.
Ein guter Reiter ist für mich nicht an bestimmten Lektionen oder dem Erreichen der nächsten Turnierstufe interessiert, sondern daran, sich und sein Pferd zu verbessern. So ist auch sichergestellt, dass das Pferd durch die Arbeit keinen Schaden nimmt.

Wie bist du überhaupt dazu gekommen?

Ich hatte das große Glück, dass schon meine Mutter bei einem alten Bereiter der Spanischen Hofreitschule lernen durfte und so ein großes Knowhow mitgebracht hat und immer sehr auf die Qualität meiner reiterlichen Ausbildung geachtet hat. So kam ich zu meinem ersten Reitlehrer, Thomas Kostrzewski,  der mich sehr stark geprägt hat. Er hat mir auch geraten nach Deutschland zu gehen, wo ich 5 1/2 Jahre bei Frau Beran gelernt habe. Vor nunmehr fast vier Jahren habe ich mich selbstständig gemacht und bekomme Unterricht und Rat von Marc de Broissia und seiner Lebensgefährtin Kay Jagla.

Wieso hast du dich bewusst gegen den Turniersport entschieden?

Ich habe damals in Österreich viele meiner Berittpferde bei Prüfungen vorgestellt und auch an einigen Turnieren teilgenommen. Es war aber noch nie meine Welt, ich reite einfach am liebsten für mich selbst. Ich versuche jeden Tag besser zu reiten als am Vortag. Das ist für mich genug Antrieb, da brauche ich nicht in Konkurrenz zu anderen zu treten.

Würde es dich nicht reizen, an Turnieren teilzunehmen und den Reitern durch Erfolg zu zeigen, dass es auch mit dem “anderen” Weg möglich ist vorne mit zu reiten?
Ich zeige meine Arbeit sehr gerne und würde es auch nicht kategorisch ausschließen, aber prinzipiell sehe ich mich nicht als „Messias“, der irgendwelche Leute bekehren kann oder sollte. Wenn Reiter nicht von sich aus einen anderen Weg suchen, dann kann man ihnen viel vor die Nase halten. Es braucht sehr viel eigenes Wollen um den Weg zu gehen, der dazu führen kann, dass man alles, was man bis dato getan hat und zu können geglaubt hat aufgeben und etwas Neues probieren muss.

Hast du Reitschüler, die an Turnieren teilnehmen?
Ja, ich habe sehr viele Reitschüler, die an Turnieren teilnehmen und auch schöne Erfolge haben. Interessanter Weise sind nicht nur Dressurreiter sondern – vor allem in England - sehr viele Vielseitigkeitsreiter dabei. Ich denke, ihnen sagt die unverspannte Reiterei sehr zu, da in der Vielseitigkeitsdressur noch etwas weniger Wert auf exaltierte Trabverstärkungen und (leider meist falsch verstandene) Versammlung gelegt wird.

Worauf legst du besonderen Wert in der Ausbildung von Pferd/Reiter?
Für mich ist die Basis und immer wieder die Basis das Wichtigste. Wenn die Basis stimmt, dann kommt der Rest nach und nach fast von selbst. Und jedes Problem, auf das man in der Pferdeausbildung stößt, ist dann auch relativ leicht lösbar. Ich stelle mir das immer so vor: Ich möchte z.B. eine Skulptur schaffen. Dazu lege ich mir vorab alle benötigten Werkzeuge griffbereit auf meine Werkbank (das sind meine Hilfen). Wenn ich dann bei der Bearbeitung der Skulptur ein Werkzeug benötige, brauche ich nur ganz selbstverständlich auf den Werkzeugtisch greifen und habe alles, was ich brauche, zur Verfügung. So kann ich am effektivsten und leichtesten arbeiten. Wenn ich während der Arbeit auf einmal merke: „Oh mir fehlt der kleine Meissel!“, dann kann ich natürlich auch den Hammer nehmen... aber wahrscheinlich werde ich mir damit einiges an Feinheiten an meiner Skulptur kaputt machen..
Fast alle Fehler und Probleme, die Reiter mit ihren Pferden haben (vom sauberen Antreten in den Trab bis zum Durchspringen der Serienwechsel usw.), haben ihren Ursprung irgendwo an der Basis. Gute Reiter reiten auch nicht den ganzen Tag Piaffen, Passagen und Pirouetten; nein, sie üben Übergänge, saubere Linien und Dinge die viele Freizeitreiter „langweilig“ finden oder meinen „können wir doch“.

Du schreibst auf deiner Website, dass du Unterricht an Reiter aller Reitstile erteilst. Hast du in deinem Programm auch Elemente anderer Reitweisen aufgenommen?
Ich mag die extreme Abgrenzung zwischen den verschiedenen „Reitstilen“ nicht. In jeder Reitweise gibt es geniale Pferdemenschen und wundervolle, gefühlvolle Reiter, die ihre Pferde in Balance und Gleichgewicht reiten können. Ob man dann Reining, Springen oder Dressur reitet ist doch eigentlich egal. Wenn ich ein interessantes Buch oder einen Artikel lese, andere beim Arbeiten mit Pferden beobachte, selber beim Reiten meiner oder fremder Pferde etwas erspüre, dann nehme ich das für mich heraus, was sich für mich gut anfühlt. Warum sollte ein Vielseitigkeitspferd keinen Rollback machen können? Warum sollte ein Haflinger nicht piaffieren? Warum sollte ein Paint nicht springen können?  Natürlich muss man sehen, in welchem Rahmen die Pferde für bestimmte Disziplinen geeignet sind und sollte sie niemals überfordern, aber man sollte auch nicht engstirnig sein.

Mit welchen Problemen von Pferd und Reiter bzw. einer Kombi daraus wirst du am meisten konfrontiert? Gibt es da sozusagen Topthemen, die überdurchschnittlich viele Pferd/Reiter- Paare betreffen?
Wie bereits oben beschrieben, ist eine schlechte oder mangelhafte Basisausbildung (bei Pferd UND Reiter) das häufigste Problem, aus dem die meisten anderen Probleme erwachsen. Auch im Umgang muss ich immer wieder Mängel feststellen. Wie oft sehe ich, dass Leute ihre Pferde auf dem Platz bei der Bodenarbeit eine Stunde lang konsequent jeden halben Schritt zurückschicken, penibel auf Abstand, Haltung und Position achten, und auf dem Weg zum Stall, nach „getaner Arbeit“, läuft das Pferd wieder wo es möchte, hängt an jedem Grasbüschel oder bewegt sich beim Putzen auf Anfrage genau null Millimeter auf die Seite.


Für ein Pferd gibt es kein „Jetzt machen wir konsequent Bodenarbeit und Erziehungstraining“, und kaum haben wir den Platz verlassen, schalten wir um auf „bester Freunde-Modus“ oder - noch schlimmer - auf „Kind-Ersatz und Pferdemuddi“, die ihrem Liebling nur nichts „Böses“ will. Konsequent und fair! Für mich lautet eine der besten Zitate in Bezug auf Pferde im Allgemeinen „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“!

Was ist deiner Meinung nach die schwierigste Lektion in der klassischen Dressur - für die Pferde bzw.die Reiter?
Saubere Übergänge

Gibt es einen Trainer/Reitlehrer, der dich besonders geprägt/fasziniert hat?
Mein erster Reitlehrer, Thomas Kostrzewski, hat mich nachhaltig sehr stark geprägt. Von ihm habe ich sehr viel gelernt und denke auch heute noch oft an Dinge, die er mir damals gesagt hat, die aber teilweise erst jetzt nach Jahren wirklich beginnen Sinn für mich zu machen. Dann war meine Zeit bei Frau Beran, bei der ich sehr viel Erfahrung sammeln durfte. Jetzt bin ich sehr froh, bei Marc de Broissia und seiner Lebensgefährtin Kay Jagla gelandet zu sein, die mir wieder eine erweiterte Sichtweise gegeben haben.

Du schreibst, dass du dich auch heute noch ständig fortbildest, um besser zu werden. Hast du da deine Favoriten, mit denen du regelmäßig arbeitest?Wen?
Ich arbeite regelmäßig mit Marc de Broissia und kann mich auch jederzeit mit Fragen, Ideen und „Geistesblitzen“ an ihn und Kay Jagla wenden. Aber auch Rene Frim, ein Osteopath meines Vertrauens, steht mir oft stundenlang für meine „Löcher-in-den-Bauch-Fragerunden“ zur Verfügung. Wichtig ist für mich einfach auch der Austausch mit anderen Reitern, oft kommt man gerade bei solchen Gesprächen auf ganz neue Ideen und Ansätze.

Was macht für dich ein gutes Pferd aus? Wie muss es sein? Charakter, Beschaffenheit? ...und natürlich auch Optik ;)

Für mich muss ein gutes Pferd vor allem eine  gute Arbeitseinstellung haben. Es sollte interessiert und bemüht sein. Das macht die Arbeit nicht nur einfacher, sondern auch viel schöner. Natürlich kann man Pferde auch für sich gewinnen, aber ein motivierter Partner macht die Arbeit einfach schöner.


Ansonsten achte ich bei Pferden anatomisch auf einen stabilen Rücken, gerade, trockene Beine, stabile Gelenke, gute Hufe. Ein guter Schritt und Galopp machen die Ausbildung deutlich einfacher. Aber grundsätzlich ist vieles über die Arbeit beeinflussbar.

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Henny Klein
Henny Klein