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Monty Roberts - Das Vermächtnis des Pferdeflüsterers

Monty Roberts - Das Vermächtnis des Pferdeflüsterers

Fast jeder Reiter und Pferdebegeisterter hat den Namen Monty Roberts schon einmal gehört. Im Folgenden lest ihr einen spannenden Gastbeitrag zum Thema Monty Roberts geschrieben von Doris Semmelmann. 

83 Jahre ist er mittlerweile alt. Und im Jahr 2018 wieder auf Tour in Süddeutschland. Seit Jahrzehnten macht er Shows wie diese. Die erste Demo, die ich gesehen habe, war vor 15 Jahren in München, die mit dem berüchtigten „Umbrella- Horse“, das panische Angst vor Regenschirmen hatte. Zwischenzeitlich ist das Regenschirm-Schrecktraining sogar Bestandteil der GHP (Gelassenheitsprüfung).

Doch was ist so besonders am „Pferdeflüsterer“ Monty Roberts?

„Die Arbeit mit den Pferden hat sich enorm verändert in den letzten 30 Jahren“, sagt eine Instuktorin aus Montys Team. „Züchtungen, Reitweisen, Therapien, Horsemanship und wissenschaftliche Studien beeinflussen und bereichern heute die Arbeit mit Pferden.“ Und trotzdem scheinen sich die Probleme nicht zu verändern. In Monty Roberts‘ Demonstrationen gibt es seit Jahrzehnten immer „Starter“, „Spooky“ und „Non-Loader“, also Pferde, die noch keinen Sattel und Reiter kennen, Pferde, die sich vor etwas fürchten und Pferde, die sich nicht verladen lassen.

Antischreck-Training Monty Roberts Anti-Schreck-Training | Quelle: Pauline Vogelgsang

Was bringt Pferdebesitzer dazu, ihr Pferd für eine Show anzumelden? Immer wenn sogenannte „Problempferde“ gesucht werden, egal ob für Shows von Monty Roberts oder anderen, für Vorführungen auf der Equitana oder für Demo-Tage in Reitställen, früher oder später erfolgt der Aufschrei. „Wie kann man nur!?!“ Wie kann man sein Pferd nur diesem Stress aussetzen; wie kann man es oder sich nur so zur Schau stellen; warum macht man nicht selber zu Hause einfach gute Pferdearbeit? Ich habe in all den Jahren viele dieser „Problempferde“-Besitzer gesehen, gehört und gesprochen und ich habe die Verzweiflung in ihren Geschichten gespürt. Es ist nicht so, dass sie es sich leicht machen wollen oder ein kostenloses Training ergattern oder selbst im Rampenlicht stehen. Vielmehr sind es Geschichten von Mensch-Tier-Beziehungen, die harmonisch angefangen haben, dann kam ein Problem – plötzlich oder schleichend – und hat ein solches Ausmaß angenommen, dass die meisten dieser Besitzer nach einer Odyssee von Tipps, Trainern und Therapeuten nun in einer Veranstaltung ihr Pferd vorstellen und es ist ihnen egal, wie viele Menschen zuschauen. Oft sagen sie, dies ist die letzte Chance, für sie, für das Pferd oder für beide. Sieht man sich diese Pferde und ihre Probleme dann objektiv an, muss man in der Regel erkennen, dass weder versierte Kappzaum-Arbeit noch geübtes Seilschwingen ausreichen werden, um ein solches Pferd reitbar, handhabbar oder verladbar zu machen. Technik alleine reicht nicht aus, genauso wenig wie Streicheleinheiten oder Leckerlis.

Die Abendshows

Wer sich eine Show am Abend ansieht, bekommt versierte Pferdearbeit und amüsante Geschichten serviert. „Behind the Scenes“ sieht es anders aus. Bereits gegen Mittag treffen die Pferdebesitzer ein und stellen ihre Pferde vor. Sie erzählen von dem Problem, das Pferd läuft unter tierärztlicher Aufsicht ein paar Runden im Roundpen und die Instruktoren testen seine Reaktionen auf die Longe oder den gruseligen Stock mit den Plastiktüten am Ende. Monty Roberts selbst beobachtet nur von außen, hört die Geschichten und notiert sich Stichworte und Ziffern seiner persönlichen Bewertungsskala. Vier Pferde werden dann für die Show am Abend ausgewählt, aber die Entscheidung trifft er nicht alleine, sondern mit seinem Team. Die vorgestellten Pferde, die nicht für die Show am Abend ausgewählt werden, bekommen am Nachmittag eine Trainingseinheit mit einem Instruktor, so dass keiner mit ungelösten Problemen nach Hause fahren muss.

Am Abend während der Show sieht man gekonnte Pferdearbeit. Das Join-Up ist das zentrale Element, aber wildes Herumscheuchen ist nicht zu sehen, gleichwohl die Pferde im Roundpen manchmal schon richtig Gas geben. Zu sehen sind vielmehr klare Gesten und Posen und wenn man genau hinschaut, etliche exakt getimte, kleine Handgriffe, fast unsichtbare Details und minimale Berührungen, die allesamt sicherstellen, dass das Pferd letztendlich das tut, was man von ihm möchte. Die Arbeit mit dem Pferd läuft so reibungslos, dass manch einer denken mag, es wäre ein Fake. Montys eigentliche Herausforderung in der Show ist hingegen die Uhr, die gut sichtbar an der Wand des Roundpens hängt. Zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten pro Pferd ist seine eigene Vorgabe. Wenn es leicht ist mit dem Pferd, dann erzählt er Geschichten nebenbei, wenn es schwieriger ist mit dem Pferd, hält er den Mund und konzentriert sich auf seine Arbeit. Zweiundzwanzig Minuten dauert ein Pferd im Durchschnitt. Die Kritiker sagen, er würde die Pferde schon vorher kennen, in ihre Ställe fahren und sie dort trainieren. Die Frage, die sich stellt ist: wann sollte er das tun und wozu? Es ist eine Show, das darf man nicht vergessen. Zuhause arbeitet er anders, sagt er, in Etappen und mit mehr Zeit.

Die Show dient dazu, den Menschen zu zeigen, dass es möglich ist, das jeweilige Problem zu lösen und eine Idee davon zu geben, wie man es machen kann. Ein Element der Arbeit von Monty Roberts ist P.I.C.N.I.C.: Positive Instant Consequence and Negative Instant Consequence. Richtiges Verhalten zu belohnen, ist den meisten Pferdebesitzern heutzutage bekannt, egal ob Halsklopfen, Leckerli füttern, „Priiima“ oder Clickern. Wichtig ist dabei das Timing der Konsequenz, das sagt der Begriff „instant“ - sofortig, in diesem Prinzip. Aber es muss auch negative Konsequenzen für falsches Verhalten geben, sagt Monty Roberts. Niemand kann herausfinden was falsch ist, wenn er keine negative Rückmeldung erfährt. Um es aber ganz klar zu sagen: es sind damit nicht Strafen, Prügel oder Schmerzen gemeint. „Discomfort“ nennt er es, unbequem machen mit Druck am Halfter oder „send him“, wegschicken im Roundpen.

Die Wissenschaft nennt das operante Konditionierung und die Kritiker sagen, dass die Pferde den Druck fürchten, den Weg des geringsten Übels wählen, dabei frustriert und freudlos werden. Für Monty Roberts ist es eine ständige Kommunikation, aber keine permanente Kooperation. Nach diesem Ja-Nein-Prinzip lernen Menschen, insbesondere Kinder, und so lernen Pferde: wenn ein Ja als Antwort kommt, weitermachen, wenn ein Nein als Antwort kommt, aufhören und etwas anderes versuchen. Das bringt den Lernenden dazu, bei Nein zu überlegen. Die Variante, ausschließlich Ja bei Richtigem zu bekommen, macht das Lernen zu Trial-and-Error, wogegen die Variante, nur Nein bei Falschem zu bekommen, den Lernenden tatsächlich auf Dauer frustriert. Pferde werden in so einem Fall ungehalten, störrisch oder buckeln. Diesen Druck auszuüben ist für Monty Roberts keinesfalls gleichzusetzen mit Gewalt. Vielmehr beeindrucken ihn Pferde, die gelernt haben, den Druck in feinster Form zu interpretieren, wie z. B.  Dressurpferde beim Galoppwechsel.

Es gibt jede Menge Menschen, die mit ihren Pferden liebevoll und stressfrei arbeiten, auch herzerfrischende Geschichten und Videos davon und das ist wunderschön. Doch es muss auch Wege geben, die man beschreiten darf, wenn es nicht (mehr) klappt. Abbruchsignale, negative Konsequenzen oder Grenzen aufzeigen, wenn Belohnungslernen nicht mehr funktioniert oder Gefahr besteht. Monty Roberts Methode ist entstanden als Gegenteil zum „Pferde brechen“, das in Amerika über Jahrhunderte grausame Realität war. Auch wenn respektvolle Pferdeausbildung in Europa ein Kulturgut ist, so sehen wir doch die Auswirkungen von Zwang und Gewalt bis hin zur Rollkur. Monty Roberts formuliert es simpel: „Das zweitwichtigste in der Arbeit mit einem Pferd ist, dass du Spaß dabei hast“, sagt er; „das Wichtigste ist aber, dass dein Pferd Spaß dabei hat“. Dort müssen wir hinkommen. Und dazu müssen wir manchmal Probleme lösen. „Probleme sind fast ausschließlich das Ergebnis von Fehlern in der Ausbildung“ sagt Monty weiter und damit ist er nicht alleine, denn darin sind sich alle großen Pferdetrainer einig. Eine gute Ausbildung ist aber etwas anderes als eine Problempferdekorrektur. Die gemeinsame Basis für beides ist, den Menschen Anleitung zu geben, damit sie ihren Pferden Anleitung geben können.

Verlade -Training | Quelle: Pauline Vogelgsang

Schaut man sich Monty Roberts‘ Arbeit an, ist darin eine jahrzehntelange Entwicklung zu sehen und im Interview spricht er mit einer erstaunlichen Bescheidenheit. Ständig lernt er noch dazu, auch wenn es oftmals so leicht aussieht. Seine Begeisterung für seine Arbeit sprudelt, es gibt immer Weiterentwicklung und neue Projekte. Die Nörgler hingegen haben ihn selten wirklich persönlich arbeiten gesehen, meist bezieht sich ihre Kritik auf alte Youtube-Videos oder Hörensagen – wie so oft. Freimütig könnte man aber auch das Gute sehen, das Positive verstärken, genauso wie im Pferdetraining. Die simple Frage, die bleibt, ist: wie würde die Pferdewelt wohl heute aussehen, hätte Monty Roberts nicht vor 30 Jahren begonnen, seine Mission des gewaltfreien Pferdetrainings in die Welt zu tragen?

Besonderer Dank gilt der Autorin des Beitrags Doris Semmelmann und der Fotografin Paulina Vogelgsang für die tollen Bilder.

Henny Klein
Henny Klein