111.543 Markenprodukte Erstklassige Shops Einfach sicher einkaufen
Reiten Freizeit Pferde

Über Stock und Stein - Pferde gymnastizieren im Gelände - Teil 1: Bergauf und Bergab

Über Stock und Stein - Pferde gymnastizieren im Gelände - Teil 1: Bergauf und Bergab

Unsere Pferde sind eigentlich nicht zu reiten gemacht. Der Rückenmuskel ist kein ein tragender, sondern vielmehr ein Dehnungsmuskel. Außerdem ist auch der restliche Körperbau  der Tiere nicht dazu ausgelegt zusätzliches Gewicht auf dem Rücken zu transportieren, denn der Rumpf eines Pferdes ist freischwebend. Sprich, die Vorhand ist nicht über knöcherne Strukturen, sondern lediglich über Sehnen, Bänder uns Muskeln mit dem Rumpf verbunden. Damit unsere Lieblinge trotzdem  fähig sind, einen Reiter zu tragen, ohne dabei  körperliche Schäden davonzutragen, ist es unsere Verantwortung, ihre Muskulatur mit regelmäßigen,  einfachen Gymnastizierungsübungen flexibel und locker zu halten und sie zu stärken.
Eine häufig genutzte Ausrede, die man zu hören bekommt ist: „Ich hab leider keinen Platz und reit den ja nur im Gelände, wie soll ich denn da dressurmäßige Arbeit machen!?“ oder „Na ja, Reitplatz ist einfach nicht mein/sein/unser Ding.“ Solche Aussagen sollte man einfach nicht gelten lassen, denn Gymnastik fürs Pferd geht sehr wohl auch ohne Reitplatz oder Halle – einfach im Gelände! Die Übungsplätze die uns die freie Natur bietet, sind nicht nur abwechslungsreich und tragen zur Gelassenheit des Pferdes bei, sondern  variierende Bodenbeschaffenheiten fördern auch die Balance und Trittsicherheit.

Über die nächsten Wochen werden wir euch verschiedene Übungen vorstellen, die ihr problemlos in euren Reitalltag einbauen könnt, egal ob auf dem Platz oder im Gelände. Wir werden versuchen, die einzelnen Übungen verständlich zu erklären, euch zu erläutern, was welche Übung wofür bringen kann und wie ihr sie am besten  ausführen könnt um den maximalen Nutzen davon zu haben.  

Als Einstieg fangen wir mit einer Übung an, die jeder Geländereiter ohnehin regelmäßig und ganz unbewusst macht:

Bergauf durch schwieriges Gelände Quelle: 4Hooves Bergauf durch schwieriges Gelände  | Quelle: 4Hooves

Bergauf- und Bergab Reiten

Das ist tatsächlich schon die erste, spitzenmäßige Gymnastikübung für unsere Pferde.  Dem Geländereiter ist oft gar nicht bewusst, dass er schon beim Überwinden von Hügeln, Bergen und Talsenken die unterschiedlichsten Muskelgruppen seines Pferdes aktiv trainiert. Zusätzlich werden Sehnen und Gelenke gestärkt sowie Balance und Trittsicherheit gefördert.
Um Bergauf zu gehen, muss das Pferd ordentlich Schub von der Hinterhand aufbauen. Das verbessert dann, wie schon vermutet, die so genannte Schubkraft.
Beim Bergabreiten wird ein Pferd mit den Hinterbeinen in der Regel mehr unter den Körper treten, schon allein, um das Eigengewicht abzufangen. Dieses weite Vortreten der Hinterhand hat einen versammelnden Effekt.

Eher spannige Pferde, die von Haus aus mit dem Kopf hoch in der Luft laufen, kann bergauf reiten gut helfen sich zu entspannen. Denn schon aus physikalischen Gründen, quasi als Gegengewicht für die obligatorisch stark schiebende Hinterhand, nehmen die meisten Pferde, um eine Steigung zu überwinden, ganz automatisch Kopf und Hals eher nach unten. Dabei begeben sie sich zwangsläufig  in die erwünschte Dehnungshaltung und werden lockerer.

Wie macht man es richtig?

Auch die Balance von uns Reitern wird beim Bergreiten geschult. Da sich ja – ganz logisch  - der Schwerpunkt des Pferdes verlagert, müssen wir natürlich auch unseren eigenen Schwerpunkt anpassen. Aber Vorsicht, nicht falsch verstehen: Den eigenen Schwerpunkt verlagern heißt nicht, ständig mit dem Oberkörper „herumzuwabbern“ bzw. die Hüfte oder Schulter zu verdrehen und abzuknicken. Schwerpunktverlagerungen eines korrekt und aufrecht sitzenden Reiters sind minimale, kaum sichtbare Ausgleichsbewegungen. Sie können im schwierigen Gelände nach allen Richtungen gehen und sind einfach von den Bewegungen des Pferdes abhängig.

Bergauf

Beim Bergaufreiten sollten wir unser Pferd im Rücken entlasten und unseren Oberkörper nach vorne verlagern, wie stark, hängt ganz vom Grad der Steigung ab, je steiler der Berg umso mehr Gewicht nach vorne. Wichtig ist in jedem Fall, die Zügel nicht zu eng zu fassen, da sich das Pferd sonst natürlich eher schlecht in die erwünschte Dehnungsposition begeben kann. Es spricht allerdings nichts gegen eine leichte, federnde Anlehnung, diese wird sich sogar positiv auf den gymnastizierenden Effekt auswirken.

Bezüglich der einzuschlagenden Gangart beim Bergaufreiten gibt es ja viele Theorien. Generell gilt: Flache Hänge bergauf geht man am besten im Schritt, leicht ansteigende Hänge im Trab und bei Steileren kann man ruhig im schwungvollen Galopp hinaufreiten – zwingt man das Pferd,  im langsamen Schritt einen Steilhang hinauf zu marschieren, provoziert man die Entstehung von Taktfehlern  - das sollte man lieber mit ein bisschen Schwung vermeiden!

Dabei  bitte immer darauf achten, dass man stets in direkter Linie senkrecht nach oben und niemals schräg zur Steigung reitet. In der Schräge können unsere Pferde leicht den Halt verlieren, in Rutschen geraten und stürzen. 

Bergab

Beim Bergabreiten sind ausreichend lange Zügel das A und O. Nur so hat das Pferd die  Möglichkeit ungestört mit seinem Hals im Takt der Schritte nach rechts und links zu pendeln. Das ist ganz normal und nötig, damit sich das Tier ausbalancieren kann.

Das bedeutet natürlich nicht, dass der Reiter, sobald der kleinste Hügel in Sichtweite kommt, erst mal  die Zügel wegschmeißen muss, auch hier erinnert die leichte Anlehnung das Pferd an den Reiter und hindert es am Kopflosen Nach-unten-Stürmen. Einen besonders guten gymnastischen Effekt bekommt man,  wenn das Pferd bei leichtem Gefälle gut an den Zügel herantritt und man es möglichst langsam gehen lässt. Das Pferd kann dann fast nicht anders, als seine Hinterhand weit unterzuschieben und gleichzeitig den Rücken hoch zu wölben. Das ist natürlich die optimale Gymnastik für die gesamte Oberlinie. Besonders der Bereich Lendenwirbelsäule und Hinterhand wird hier gedehnt und beansprucht. Ist der Hang sehr steil, hat das nichts mehr mit Vorwärts-Abwärts im klassischen Sinn zu tun. Dabei geht es dann vorwiegend um gute Koordination. Deshalb gelten hier auch andere Regeln für den Sitz: In solchen Extremsituationen kann man alles, was man jemals über „im Schwerpunkt sitzen bleiben“ gehört hat, getrost vergessen. Am besten im Sattel zurück lehnen, festhalten (an Maria-Hilf-Riemen, Horn etc.) und grundsätzlich im Schritt und auf direkter Linie senkrecht bergab reiten. Auch hier ist die Rutsch- und Sturzgefahr auf der Schräge sehr groß!

Eine sinnvolle Klettergrundregel ist: „Je steiler der Hang, desto länger die Zügel“.

image34 Ein entspannter Ausritt | Quelle: 4Hooves

Troubleshooting  - Ich würde ja gerne gymnastizieren, aber mein Pferd…

…rennt bergab einfach los

Bei den meisten Pferde ist Bergab losrennen ein Ausdruck von Unsicherheit. Viele Reiter fühlen sich unwohl, wenn es bergab geht, das überträgt sich natürlich leicht aufs Pferd, welches eventuell selbst Koordinationsprobleme hat. Folgende Übung kann dabei hilfreich sein: Sobald euer Pferd zu schnell wird, geb ihr ihm ein klares Kommando zum anhalten. Das Pferd muss dabei zwangsläufig das Gewicht auf die Hinterhand verlagern. Sobald die Pferde verstanden haben, wie sie ihr Eigengewicht und das des Reiters ausbalancieren können und wo es hin muss, kann man im Normalfall auch gesetzter bergab reiten. Wenn ihr selbst zu Unsicherheit neigt, ist es am besten, wenn ihre euer Pferd erst mal lieber an der Hand bergab führ und das Haltekommando schon mal vom Boden aus übt.

Der häufigste Fehler, der passiert, wenn das Pferd schnell wird bergab ist, dass der Reiter – schon allein aus Reflex – einfach am Zügel zieht. Das Pferd wird sich dadurch allerdings nur noch mehr auf der Vorhand abstützen, versuchen den Kopf hochzureißen und mit blockierten, staksigen Bewegungen weiter nach unten rennen. Die Balance ist dann natürlich dahin und auch die Unfallgefahr steigt, wegen der fehlenden Koordination. In solchen Situationen macht es stattdessen mehr Sinn, seinen Schwerpunkt oder die Position des Oberkörpers zu verändern.

… weigert sich einen Hang überhaupt hinunter zu gehen

Die Ursache ist meist die Gleiche, wie bei Pferden die losrennen. Das Pferd hat einfach Angst vor dem Bergablaufen, weil es keine Ahnung hat, wie es sich ausbalancieren und koordinieren soll. In solchen Fällen ist es wichtig, das Vertrauensverhältnis zwischen Pferd und Reiter zu stärken, dazu ist es sinnvoll mit leichten Hügeln anzufangen und den Steilheitsgrad langsam zu steigern. Es funktioniert in der Regel auch gut, zunächst gemeinsam mit einem zweiten erfahrenen Pferd, das vorne weg geht in schwierigeres Gelände zu gehen.

Es ist in jedem Fall absolut kontraproduktiv (übrigens genau wie bei Wasser, Hänger oder ähnlichen Situationen), ein ohnehin verängstigtes Pferd mit Sporen und Gerte „vorwärts zu prügeln“. Geduld, konsequent dranbleiben und nicht ablenken lassen ist stattdessen zielführend. Streicheln zur Beruhigung sollte ebenfalls tabu sein, wenn das Pferd sich ohnehin aufregt, da man damit nicht erwünschtes Verhalten positiv honoriert!

...verliert immer halb den Sattel

Gerade bei Pferden mit schwammiger Sattellage und wenig Widerrist rutscht der Sattel beim bergauf oder bergab reiten gern nach hinten beziehungweise nach vorne, da kann es sinnvoll sein, sich mit einem Vorderzeug Abhilfe zu schaffen. Ein Schweifriemen hält den Sattel beim Bergabreiten in Position.

Am besten probiert ihr es einfach aus, ihr werdet sehen, es funktioniert ganz automatisch!

theresa
theresa